(R)EVOLUTION DES HANDWERKS

Wissenschaftsseminar an der Bauhaus Universität Weimar

Forschung + Lehre
2019

Paradigmen und Perspektiven zum Handwerk: Vom Faustkeil zum Algorithmus

 

Gegenwärtig erleben wir eine zunehmende Rückbesinnung in den Gestaltungsdisziplinen auf das klassische Handwerk. Dies äußerst sich in unterschiedlichsten Bereichen der Praxis wie auch der Wissenschaft und bedingt damit die Gestaltung. Mit jener Rückbesinnung traditioneller Arbeitskulturen entstehen gleichermaßen Irritationen: Begrifflichkeiten und Methoden bleiben hier oft unverstanden, Herkunft und Traditionen erfahren unzureichende Beachtung und allem voran die Frage: Ist es tatsächlich eine Rückbesinnung oder nicht viel mehr ein Phänomen, das sich aufgrund der sich in Veränderung befindenden Fertigungsverfahren in einer vermeintlichen Rückbesinnung zeigt, da nunmehr die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vom Bedürfnis nach Singularitäten geprägt ist?

 

Ziel der Lehrveranstaltung ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Handwerks und dessen Bedeutung für die Gestaltung. Im Zentrum stehen hierbei die wesentlichen Paradigmen und Kontexte, die die heutige Vorstellung von Handwerk maßgeblich prägen. Schwerpunkt der Untersuchungen liegt bei den gestalterischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen ab dem 19. Jahrhundert bis in die digitale Gegenwart (Digitales Handwerk). Neben Referaten werden einschlägige Texte, Verfahren und Projekte herangezogen und diskutiert; dies mit dem Ziel, die Begrifflichkeit(en) des Handwerks zu entstauben, gar aus fehlerhaften Darstellungen zu „bergen”, um das Handwerk umfassend differenziert betrachten zu können und für gegenwärtige Produktkulturen in Zeiten des Digital Turns nutzbar zu machen.

 

Die Abbildungen unten zeigen eines der Ergebnisse aus dem Seminar. Neben Referaten und Essays wurde ein „Quartett der Handwerklichkeit“ von den Studierenden entwickelt. Dieses Quartett beinhaltet klassische Gewerke in unterschiedlichen Karten- bzw. Quartettfamilien. Bestehend aus Akteur (Berufsbild), Verfahren (Prozesse) und Werkzeug wurden diese Karten mit unterschiedlichen Parametern ausgestattet, die zur Auseinandersetzung mit klassisch handwerklichen Berufsbildern einladen und dadurch Zusammenhänge sichtbar machen. Neben klassischen Werkzeugen und Verfahren finden sich darin ebenso hybride Werkzeuge wieder, die jene Berufsbilder in Zeiten der Digitalisierung zum Teil stark beeinflussen bzw. verändern. Während des Spielablaufs entstehen dabei relevante und zugleich spannende Fragestellungen – nicht nur über bspw. Performanz, Autorschaft/Urheberschaft oder Ästhetik, sondern auch Fragestellungen die sich aus dem kulturellen Kräftefeld allgemein ableiten, wie beispielsweise den Wert von Arbeit oder Arbeitskraft.

 

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At present, we are experiencing an increasing return to classical craftsmanship in the design disciplines. This is manifesting itself in the most diverse areas of practice as well as science and is thus conditioning design. With this return to traditional work cultures, irritations arise at the same time: Terminology and methods often remain misunderstood here, origins and traditions receive insufficient attention, and above all the question: Is it really a recollection or not much more a phenomenon that shows itself in a supposed recollection due to manufacturing processes undergoing change, since now the society of the 21st century is characterized by the need for singularities?

 

The aim of this course is to examine the history of craftsmanship and its significance for design. The focus here is on the major paradigms and contexts that significantly shape today’s notion of craft. The focus of the research is on design, social and cultural developments from the 19th century to the digital present (Digital Crafts). In addition to papers, relevant texts, processes and projects will be consulted and discussed; this with the aim of dusting off the conceptuality(ies) of craft, even „salvaging“ them from erroneous representations, in order to be able to take a comprehensively differentiated view of craft and make them usable for contemporary product cultures in times of the digital turn.

 

The illustrations show one of the results from the seminar. In addition to papers and essays, a „quartet of crafts“ was developed by the students. This quartet contains classical trades in different families of cards or quartets. Consisting of actor (job description), procedure (processes) and tool, these cards were equipped with different parameters, which invite to the examination of classical craft job descriptions and thereby make connections visible. In addition to classic tools and processes, the cards also contain hybrid tools, some of which are strongly influencing or changing these job profiles in the age of digitization. During the course of the game, relevant and at the same time exciting questions arise – not only about performance, authorship or aesthetics, but also about questions derived from the cultural field of forces in general, such as the value of work or labor.

 



Ort:

Bauhaus-Universität Weimar

 

Lehrender:

Michael Braun (M.A.)

 

Semester/Jahr:

Wintersemester 2018/19

 

Modus:

Wissenschaftliches Seminar

 

 

Foto/Vorschaubild: Michael Braun, 2019

 

 

Copyright © 2022: Michael Braun